Wenn die Senioren im Nachbarschaftsheim St. Pauli plötzlich aufspringen, gemeinsam „Happy Birthday“ singen und das Geburtstagskind überwältigt mittendrin steht, dann sind das die Momente, die Gülay Sensev-Demiral besonders berühren. „Das Strahlen in ihren Augen zu sehen, ist überwältigend“, sagt die 50-Jährige. Seit knapp 17 Jahren ist sie stellvertretende Leiterin des Nachbarschaftsheims St. Pauli an der Silbersackstraße und weiß, wie viele alte Menschen auf dem Kiez unter Einsamkeit und Armut leiden. Für viele ist die Tagesstätte der letzte sichere Hafen auf St. Pauli.
Etwa 35 Besucher kommen hier täglich zusammen. Viele von ihnen leben allein, kämpfen mit Armut, Krankheit oder den Folgen eines harten Lebens. Einige waren früher im Milieu tätig als Prostituierte, Wirtschafterinnen, ein inzwischen verstorbener Zuhälter war auch jahrelang da. „Sie kannten sich früher alle, haben sich aus den Augen verloren und hier wiedergefunden“, erzählt Gülay, die zufällig im Nachbarschaftsheim gelandet war. Ihre inzwischen verstorbene Mutter nutzte damals die Angebote der Einrichtung. Gülay begleitete sie gelegentlich.
Spontan eingesprungen und geblieben
Zu dieser Zeit hatte sie zwei kleine Kinder und arbeitete abends als Reinigungskraft. Als die damalige Übersetzerin der Tagesstätte plötzlich starb, fragte die Leiterin, ob sie einspringen könne. Gülay konnte und wollte. Einmal pro Woche übersetzte sie bei der Sozialberatung, besonders für türkische Frauen, die kaum Deutsch sprachen. Eigentlich wollte sie ehrenamtlich helfen. Doch daraus wurde schnell mehr.
Geboren und aufgewachsen ist Gülay in Altona. Unweit des Kiezes. Doch St. Pauli war in ihrer Kindheit absolut tabu. „Wir sind höchstens mal mit dem Auto durchgefahren. Und dann durfte ich nicht einmal aus dem Fenster gucken“, erinnert sie sich und lacht. Ihre Eltern stammen aus der kurdischen Region der Türkei. Die Mutter konnte weder lesen noch schreiben, als sie nach Deutschland kam. „Mädchen durften damals nicht zur Schule gehen. Sie mussten im Haushalt helfen.“ Erst in Deutschland lernte sie Türkisch und später Deutsch.
Beratung, Kaffee und noch viel mehr
Gülay selbst spricht neben Türkisch auch Kurdisch – ein großer Vorteil im Alltag des Nachbarschaftsheims. Viele der Besucher kamen einst als Gastarbeiter nach Hamburg. Manche kaum Deutsch. Im Nachbarschaftsheim geht es längst nicht nur um Beratung. Es gibt Männerfrühstück, Computerkurse, Yoga, Qigong oder gemeinsames Kochen. „Doch das Wichtigste ist, dass die Menschen nicht alleine sind.“ Jeden Nachmittag gibt es Kaffee und Kuchen, gespendet vom Kiezbäcker nebenan, später werden Lebensmittelspenden der Tafel verteilt und Gesellschaftsspiele gespielt.
Besonders das gemeinsame Mittagessen bedeutet den Senioren viel. „Einfach nicht alleine essen zu müssen, macht sie glücklich.“ Mit nur vier Ehrenamtlichen (es werden dringend weitere Engagierte gesucht), Leiterin Susanne Fink-Knodel und Gülay in Teilzeit stemmt das Team die tägliche Arbeit. Oft reicht die Hilfe weit über die Arbeitszeit hinaus. Behördenpost, Probleme mit Pflegediensten, fehlende Lebensmittel – immer wieder springen die Mitarbeiterinnen ein. Häufig fährt Gülay Besucher nach der Arbeit noch nach Hause.

Hier: Gülay Sensev-Demiral (50) vom Nachbarschaftsheim St. Pauli, hier mit Haspa-Paten Christian Schley (54)
Großer Zusammenhalt auf dem Kiez
„Früher waren sie Teil dieses Viertels. Heute haben manche Angst, abends allein mit dem Rollator nach Hause zu gehen.“ Eine Geschichte, die Gülay besonders in Erinnerung geblieben ist: Ein Besucher mit Alzheimer vergaß regelmäßig, dass man für Essen bezahlen muss. Einmal wollte er einen Döner mit einer Nagelschere bezahlen, ein anderes Mal mit seinem Haustürschlüssel. Gülay ging daraufhin durch die Dönerläden auf dem Kiez und bat darum, ihm trotzdem Essen zu geben. „Ich komme jede Woche und bezahle seine Schulden“, versprach sie. Die Ladenbesitzer machten mit. Als sie wiederkam, wollte jedoch niemand das Geld zurück.
„Das ist hier ein großer Zusammenhalt unter den Kiezianern.“ Doch viele Geschichten sind für sie schwer zu ertragen. Besonders die Schicksale von türkischen Frauen, die Gewalt erlebt haben, Zwangsehen, Misshandlungen. Manche wurden als Zweitfrauen nach Deutschland gebracht. Eine Besucherin versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen, nachdem sie und ihre Kinder jahrelang von ihrem Mann misshandelt worden waren.
„Ich möchte, dass sich alle wohlfühlen“
Vielleicht berühren Gülay diese Geschichten auch deshalb so sehr, weil sie viele Probleme aus ihrer eigenen Familie kennt. Ihre Eltern waren Cousin und Cousine, aufgewachsen wie Geschwister. „Mein Vater liebte eigentlich eine andere Frau. Meine Mutter wollte ihn auch nicht heiraten. Aber sie mussten.“ An dem Tag, an dem ihr Vater vom Militär zurückkam, wurde er mit einer großen Feier überrascht. Seiner eigenen Hochzeit.
Gülay rebellierte früh gegen die Traditionen und Sitten. Sie heiratete gegen den Willen ihrer Eltern – aus Liebe. Inzwischen hat sie zwei erwachsene Söhne.
Wichtig sei ihr vor allem, dass Frauen sich behaupten können. „Ich möchte, dass sich alle wohlfühlen“, sagt sie. Dieser Satz beschreibt ihre Rolle im Nachbarschaftsheim. Denn hier finden Menschen nicht nur Unterstützung, sondern oft ein Stück verlorene Würde zurück. „Ich habe erlebt, wie schüchterne, verängstigte Menschen hier richtig aufgeblüht sind“, erzählt Gülay. Durch Gespräche, Gemeinschaft und das Gefühl, wieder einen sicheren Ort auf dem Kiez zu haben.
Haspa Reeperbahn unterstützt mit neuen Küchengeräten

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung. „Das Nachbarschaftsheim ist eine enorm wichtige Institution im Viertel, die sich gegen Einsamkeit engagiert. Hier finden ältere Menschen sehr unkompliziert Anschluss und sind Teil einer Gemeinschaft“, sagt Filialdirektor Christian Schley von der Haspa Reeperbahn, die den Seniorentreff unterstützt. Das Nachbarschaftsheim St. Pauli bekommt auch finanzielle Hilfe. Die in die Jahre gekommene Kaffeemaschine ist kürzlich kaputtgegangen und muss dringend ersetzt werden. Zudem fehlen weitere Küchengeräte und Geschirr. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung aus den Mitteln des Haspa-Lotteriesparens.
Text: Wiebke Bromberg




