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Wenn Rohan Nagpal abends durch die Straßen im Hamburger Süden zieht, bleibt er immer wieder stehen. Ein kurzer Schnack hier, ein paar Worte dort. Viele Jugendliche kennen den 26-Jährigen längst. Oft geht es um Fußball oder Schule. Doch manchmal werden die Gespräche ernster: Stress zu Hause, Mobbing, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit. Dann ist Rohan einfach da. Er ist einer von 30 ehrenamtlichen „Kiezläufer: innen“.
In Harburg, Neuwiedenthal und Neugraben sind sie regelmäßig in den Abendstunden unterwegs, meist zu zweit oder zu dritt. Sie sprechen Jugendliche an, die draußen unterwegs sind, wenn Jugendzentren längst geschlossen haben. „Wir bieten ein offenes Ohr“, sagt Projektkoordinatorin Karla Dümmler (36) vom Trägerverein „In Via Hamburg“. Dabei geht es auch um Gewaltprävention. Die „Kiezläufer: innen“ sind geschult, in Konflikten zu vermitteln. Wenn es verbalen Stress gibt, greifen sie ein. Doch nicht bei Schlägereien. „Das ist ein Ehrenamt, kein Sicherheitsdienst“, sagt Karla Dümmler. Im Zweifelsfall werden Notarzt und Rettungswagen alarmiert. Das kommt aber nur sehr selten vor.
Ansprache auf Augenhöhe
Meistens wird einfach nur geredet. Über Fußball, Freunde, die aktuelle Weltlage. Manchmal geht es aber auch um ernsthafte Probleme. Dann vermitteln die Ehrenamtlichen weiter an Beratungsstellen oder geben Tipps für andere Hilfsangebote. Sie kennen die Einrichtungen des Viertels, wissen um die Probleme und Mentalität. Die meisten „Kiezläufer:innen“ stammen selbst aus den Stadtteilen und sind nicht viel älter als die Jugendlichen.
„Das ist eine Ansprache auf Augenhöhe. Sie sprechen dieselbe Sprache wie die Jugendlichen. Da gibt es kein Ermahnen oder Belehren“, sagt Karla Dümmler. Auch Rohan hört vor allem zu. „Ich gebe keinen elterlichen Rat. Ich nehme die Jugendlichen ernst, damit sie einfach mal etwas rauslassen können.“
Einfach wichtig, zuzuhören
Rohan weiß, wovon viele erzählen. Er ist selbst in Harburg aufgewachsen. Seine Eltern waren vor mehr als 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und hatten sich hier ein neues Leben aufgebaut. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt er. Am Monatsende sei das Geld zu Hause manchmal knapp gewesen. „Zu wissen, dass jemand Hunger hat und sich deshalb in der Schule nicht konzentrieren kann, geht einem nahe.“ In solchen Situationen verweist er auf Hilfsangebote wie die Tafel. Es kam auch schon vor, dass er einen Jugendlichen auf etwas zu essen eingeladen hat.
Auch Einsamkeit ist ein Thema. Für die Projektkoordinatorin belastende Momente. „Wenn ein 15-Jähriger sagt, er habe keine Freunde und sei total einsam, macht einen das sehr betroffen und traurig.“ Besonders bewegend sei es im vergangenen Jahr gewesen, nachdem ein Jugendlicher aus dem Viertel Suizid begangen hatte. Viele Jugendliche trauerten. „Da ging es gar nicht um Lösungen“, sagt Rohan. „Es war einfach wichtig, da zu sein und zuzuhören.“ Eine schwere Situation auch für die Ehrenamtlichen. Damit sie mit ihren Problemen nicht alleine dastehen, haben sie Vertrauenspersonen und bekommen Coachings.
Trotz der Nähe zu den Jugendlichen wahren die „Kiezläufer:innen“ auch immer eine gewisse Distanz – um nicht zu sehr zu Bezugspersonen zu werden. Einmal hatte Rohan das. Ein Junge, der ihm alles erzählte. Anfangs ein komisches Gefühl. Doch der Jugendliche schaffte es, sich nach den Gesprächen mit Rohan Hilfe zu holen. „Er hatte wieder Halt im Leben. Das hat mich sehr gefreut.“

Mehr als ein Ehrenamt
Seit 5 Jahren engagiert sich Rohan, der als Vermögensberater bei der Haspa in Neugraben arbeitet, als „Kiezläufer“. Das Projekt gibt es seit elf Jahren im Hamburger Süden. Alle Ehrenamtlichen absolvieren eine 40-stündige Ausbildung und sind mindestens achtmal im Monat auf den Straßen unterwegs. Im vergangenen Jahr zählten die Teams im Bezirk Harburg mehr als 3000 Kontakte mit Jugendlichen. Für Rohan sind die abendlichen Runden durch Harburg mehr als ein Ehrenamt. Er möchte etwas zurückgeben. Genau dort, wo für ihn alles begann. „Das hier ist meine Heimat.“
Haspa sorgt dafür, dass die Ehrenamtlichen mobiler sind

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung. Rohan Nagpal engagiert sich nicht nur bei den „Kiezläufer:innen“, der Vermögensberater bei der Haspa übernimmt auch die Patenschaft für das Projekt. „Mein Ehrenamt mit meinem Job unterstützen zu können, macht mich glücklich“, sagt er. Die „Kiezläufer:innen“ bekommen auch finanzielle Hilfe. Das Projekt möchte Fahrräder anschaffen, damit die Ehrenamtlichen bei ihren abendlichen Runden mobiler sind und auch mal zu abgelegeneren Orten fahren können. Zudem sollen neue Hoodies für die Ehrenamtlichen gekauft werden. Die Haspa hilft und kümmert sich um die Finanzierung aus den Mitteln des Haspa-Lotteriesparens.
Text: Wiebke Bromberg
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